Irma Frank

Irma Frank wurde am 15. März 1903 als Tochter von Seligmann Tobias (1863-1937) und seiner Frau Mina, geb. Weinberg (1867-1924), in Oberbieber (heute: Neuwied, Stadtteil Oberbieber) geboren. Mina Tobias' Grab befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof im Stadtteil Niederbieber (Nr. C 103a). Irma war das 6. von acht Kindern. Ihre Geschwister waren lt. Dorothea Deeters (S. 57 u. 63) [1]:

Julius (*17.10.1801, Händler, gefallen am 7.9.1914 in Frankreich).

Emil (*10.7.1895, gest. 3.8.1919 in Irkutsk / Sibirien als Kriegsgefangener).

Siegfried (*8.12.1898, Viehhändler, wohnh. Braunsbergstraße, verh. 1934 mit  Lina Gottschalk: Sohn: Günther, *28.5.1935).

Martha (*6.6.1893, verh. mit Benno Mayer, beide Eltern und ihre Kinder Arthur Alexander und Margot im KZ ermordet).

Hedwig (*19.11.1896, seit 2.3.1923 verh. mit Karl Kahn, +14.8.1888, Viehhändler, wohnh. Altwieder Straße, kinderlos, beide am 15.6.1942 nach Izbica deportiert).

Leo (*6.10.1904, mit 12 Jahren gestorben).

Jenny (*21.11.1908, verh. am 28.1.1931 mit Julius Mendel, Viehhändler aus Meinborn /WW., *4.4.1896, Ehepaar mit Sohn Kurt deportiert).

Irma heiratete am 20.8.1934 vor dem Standesamt Heddesorf den angesehenen und begüterten Viehändler und Metzger Karl (Carl) Frank, geboren am 12. Dezember 1890 in Weseke. Sie war dessen zweite Ehefrau.

Anhand von Zeitzeugenberichten über die Hochzeit schildert Dorothea Elisabeth Deeters in ihrem Buch "Sie lebten mit uns" [2] die fortschreitende Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus dem Gemeinschaftsleben im Dorf:

“– Als Irma Tobias heiratete, nahmen die engeren Freunde noch an der Hochzeit teil; andere aus dem Dorf stellten nur noch heimlich einen Blumentopf aufs Fensterbrett. Als Mitgift übertrug der Vater ihr Schulden, die Leute aus dem Dorf bei ihm hatten: »Juden brauchte man ja nicht bezahlen«. Irma hatte einen Witwer geheiratet, der eine Tochter hatte; er besaß Haus und Geschäft."

Neben der Tochter Marga, geboren am 12. August 1935 in Weseke, und dem Sohn Manfred, geboren am 18. November 1936 in Weseke, hatte Karl Frank mit seiner ersten Frau Olga, geborene Jacoby, geboren am 3. September 1927, eine Tochter namens Hannelore.

Irma Frank wohnte in Oberbieber, Braunsbergstraße 32, und in Weseke. Wann das Ehepaar von Oberbieber nach Weseke zog, war nicht festzustellen.

In einem Schülerprojekt "Das Schicksal jüdischer Familien in Borken (Westf.) und Gemen zur Zeit des Nationalsozialismus" (Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Borken und Gemen") [3] ist zu lesen:
"Die Fleischerei der Familie war für Fleisch mit besonders guter Qualität bekannt."
In einem Dokument aus der Akte B158 aus dem Stadtarchiv steht jedoch, dass Karl am 19.11.1941 als Tiefbauarbeiter gekündigt wurde. Daraus lässt sich schließen, dass er eine Zeit lang auch als Erdarbeiter bzw. Tiefbauarbeiter gearbeitet hat. In einem anderen Text ebenfalls aus der Akte B158 aus dem Stadtarchiv steht, dass er in einem Aufbaulager (Steinfurter Aa) beschäftigt gewesen sein soll, wo ihm am 6.12. 1941 gekündigt wurde.
Karl war der Eigentümer des Wohn- und Geschäftshauses in Weseke - Dorf Nr.16."

"... Marga und Manfred, die aus Herrn Karl Franks zweiter Ehe stammten, stehen mir in Gedanken als kleine Kinder mit schwarzen Haaren in Pagenschnitt vor Augen" , so Maria Klöcker in ihrem Bericht "Meine Erinnerungen an Familie Frank".

Lt. einem Bericht von Carl Franks Tochter aus erster Ehe, Hannelore Nelson, geb. Frank, schmuggelte ihr Vater Carl in den Jahren 1935/36 Menschen und Waren nach Holland. Er selbst und seine Familie blieben jedoch in Weseke, weil er seinen deutlich älteren Schwestern und seinen kleinen Kindern eine Flucht nicht zumuten wollte. Um 1938 wurde Carl wegen Schmuggels bis Anfang 1941 ins Gefängnis eingeliefert. Im Dezember 1941 wurde die gesamte Familie Frank nach Riga deportiert. Hannelore, damals 13 Jahre alt, berichtet später über das Ghetto (übersetzt):
"Das Ghetto Riga war eine Stadt für sich. Es war bitter kalt; der Boden war gefroren. Die Deutschen zwangen Juden, den Schnee wegzuschaufeln und die Unterkünfte zu säubern. Die Deutschen töteten litauische Juden, um Platz für die ankommenden deutschen zu schaffen. Blut war im Eis gefroren und es gab Massengräber."

Hannelore Nelson und ihre Familie wurden gezwungen, Kleidung der Toten zu tragen, weil ihnen alles Eigene genommen worden war. Die Familie – bestehend aus 9 Personen – lebte in einem Raum. Irma Frank war schwanger und wurde im Mai 1942 zu einer Abtreibung gezwungen, ohne Antibiotika. Ihr Ehemann Carl wurde im selben Jahr erschossen, möglicherweise weil er Nahrung für seine Familie stehlen wollte.

Irma Frank wurde mit ihrem Ehemann und den Töchtern am 13. Dezember 1942 über Münster-Osnabrück–Bielefeld in das Ghetto Riga deportiert.

Ihr weiteres Schicksal ist nicht bekannt. In der Todeserklärung von Karl und Irma Frank (AG Borken 28.09.1953 Az.: 177-80/52) wurde  als Todestag der 8.5.1945 festgesetzt.[4]

 


Quellen:

Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933-1945),
http://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/directory.html

StA Heddesdorf Geburten Nr. 117/1913; StA Heddesdorf Heiraten Nr. 92/1934; Geburt Hannelore: StA Weseke Nr. 92/1934

[1] Dorothea Elisabeth Deeters: Sie lebten mit uns (1983), S. 57 u. 63

[2] dto. S. 39

[3] Arbeitskreis Jüdisches Leben in Borken und Gemen
"Die jüdischen Gemeinden in Borken und Gemen - Geschichte, Selbstorganisation, Zeugnisse der Verfolgung", Hg.: Mechtild Schöneberg et al.; Bielefeld 2010

[4] AG Borken 28.09.1953 Az.: 177-80/52

 

Abb. 1 u. 2: Privatbesitz Hannelore Nelson, USA

Abb. 3 u. 4: Carolyn Duclos (USA) über Mentild Schöneberg, Borken / Westfalen

 

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Irma Frank (links)<br><br>Foto: Carolyn Duclos (USA) über Mentild Schöneberg, Borken / Westfalen
Abb. 3: Irma Frank (links)
Irma Franks Kinder Marga und Manfred (1941)<br>Foto: Privatbesitz Hannelore Nelson, geb. Frank, USA
Abb. 2: Irma Franks Kinder Marga und Manfred 1941
Irma Frank mit ihrer Tochter Marga<br>Foto: Privatbesitz Hannelore Nelson, geb. Frank, USA
Abb. 1: Irma Frank mit ihrer Tochter Marga
Irma Frank (links)<br><br>Foto: Carolyn Duclos (USA) über Mentild Schöneberg, Borken / Westfalen
Abb. 4: Irma Frank (links)
 
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